Interview

Interview mit Ruth Bender
(Erschienen in den Kieler Nachrichten am 23.1.2009)

Eigentlich wollte Jan Christophersen Musiker werden. Aber als die Songtexte immer länger und schließlich zu Geschichten wurden, ging der Flensburger (*1974) zum Studium ans Deutsche Literaturinstitut in Leipzig. Jetzt erscheint mit “Schneetage” der Debütroman des 34-jährigen, den die Kieler Nachrichten ab Freitag als Fortsetzungsroman veröffentlicht. Und der erzählt, eingebettet in den Rahmen der Schneekatastrophe 1978/79, eine Familiengeschichte aus dem deutsch-dänischen Grenzland an der Nordsee. Eine Art Zwischenwelt, aus der nach dem Krieg für manche der Hauptfiguren eine neue Heimat wird.

Ruth Bender: Die Schneekatastrophe bestimmt die Rahmenhandlung. Das zweite Thema, das die Geschichte beschäftigt, ist Rungholt, die versunkene Stadt. Danach forscht der Held, Paul Tamm, mit zunehmender Obsession. Ist das für Sie auch so ein Mythos?

JC: Komischerweise gar nicht. Ich kann mich auch nicht erinnern, dass ich das berühmte Liliencron-Gedicht habe auswendig lernen müssen. Mir ist Rungholt viel später in die Quere gekommen, über einen Zeitungsartikel. Ich fand das hochinteressant, dass dieser verlorene Ort da draußen liegt und es immer wieder Leute gibt, die danach suchen.

RB: Sie haben viele Wiedererkennungshilfen in ihre Ortsbeschreibungen eingebaut. Noldes Anwesen in Seebüll liegt gar in Sichtweite. Ein Vidtoft gibt es aber nicht…

JC: Vidtoft gibt es quasi zusammengesetzt aus der Wirklichkeit. Es gibt das Dorf Aventoft an der dänischen Grenze, es gibt den Fluss Wiedau.

RB: Und wie ist das mit der Rungholt-Fundstelle im Watt?

JC: Die gibt es, das ist Hallig Südfall. Der Ethnologe Hans-Peter Dürr zum Beispiel, der forscht dort und hat ein dickes Buch über Rungholt geschrieben.

RB: Haben Sie mit ihm gesprochen?

JC: Nein. Und ich habe auch mit keinem Hobby-Archäologen gesprochen. Die Tochter des ersten Rungholt-Forschers Andreas Busch habe ich getroffen. Die war damals schon knapp über 80 und über ein paar Ecken mit meiner Ex-Freundin verwandt. Also bin ich hingefahren, kam in so ein friesisches Teestübchen, und das erste, was sie sagte, war: “Wir sind ja nicht so für Romane…“

RB: Aber Sie wussten schon, dass Sie diesen Roman schreiben würden?

JC: Ja, irgendwann hat sich das verbunden, die Schneekatastrophe mit Rungholt. In beiden Fällen geht es um Naturkatastrophen in Norddeutschland. Rungholt ist durch eine Sturmflut untergegangen. Die Schneekatastrophe war auch Wasser – bloß von oben. Außerdem ist die Schneekatastrophe etwas, an das ich mich selbst erinnern kann. Da war ich vier.

RB: Was erinnern Sie?

JC: Einen Panzer, der durchs Dorf gefahren ist, um den Schnee platt zu machen. Das hat sich eingeprägt. Überhaupt ist die Schneekatastrophe sehr präsent bei den Leuten in Norddeutschland. Jeder hat eine Geschichte dazu: Wo er eingeschneit war, wie lang der Strom fehlte.

RB: War Ihnen die Natur wichtiger als die Figuren?

JC: Das kam so hintenrum. Mich hat dieser Mensch interessiert, der so aussichtslos ins Watt immer wieder auf die Suche geht. Warum macht der das? Was fasziniert ihn daran? Und es geht im Roman eben um Katastrophen… Nicht nur Naturkatastrophen. Das 20. Jahrhundert war ja nicht arm daran. Und das hat Spuren hinterlassen bei den Leuten.

RB: Das Spektakuläre aber hat Sie weniger interessiert? Ihr Buch kommt ganz ohne Action aus, entwickelt sich als breiter Erzählstrom.

JC: Stimmung ist das Eigentliche. Das ist wohl auch das, was mir liegt. Ich hoffe aber, dass unter dem ruhigen Äußeren diese Katastrophen spürbar sind. Zwischenmenschliche, familiäre Katastrophen. Ich erzähle ja auch weniger die Höhepunkte der Geschichte als das Davor und Danach.

RB: Wo kommt eigentlich Pauls Okarina her?

JC: Die ist echt. Recherche bringt oft solche tollen Details ans Licht. Die Okarina-Geschichte habe ich in einem Rungholt-Buch gefunden, und sie wird immer wieder erzählt. Angeblich liegt sie im Nissen-Haus in Husum und ein englischer Soldat hat sie gefunden, nachdem er im Watt abgestürzt ist. Das hat mich fasziniert: dieses kleine Ding, mit dem soviel Geschichte verbunden ist.

RB: Einerseits beschreiben Sie sehr genau: Alltag, Tagewerk, handwerkliche Verrichtung. Andererseits haben die Figuren außer der erzählten Zeit keine wirkliche Geschichte.

JC: Sie haben Brüche. Es hat Momente in ihren Leben gegeben, wo etwas abgebrochen ist. Paul habe ich mir gedacht als einen Menschen, der in seinem Leben versucht, die Stunde Null zu setzen für einen Neuanfang. Wir wissen zwar nicht, was ihm im Krieg passiert ist, aber wir wissen: Es wirkt nach. Dieses starke Bedürfnis, irgendwo heimisch zu sein, kommt ja irgendwo her. Und Jannis ist ähnlich. Der traut sich erst ganz am Schluss an seine Vergangenheit, seinen Vater. Die Figuren sind alle sehr gebremst – als wäre etwas passiert.

RB: In ihrer Geschichte bewegen sich Gegenwart und Vergangenheit aufeinander zu. Wie hat sich das Schreiben gestaltet?

JC: Der erste Satz ist tatsächlich auch der erste, den ich geschrieben habe. Und letztlich war auch die Form am Ende die, die ich mir ursprünglich vorgestellt hatte. Dann habe ich zuerst die großen Erinnerungsteile geschrieben, in großen Abständen. Und erst im letzten Jahr sind die Schnee-Episoden entstanden. Das ging sehr schnell, so als wüsste ich plötzlich, wie ich das zu schreiben habe.

RB: „Schneetage“ ist sehr im Norden verortet…

JC: Ja, das war mir wichtig. Ich bin sehr oft an die Nordsee gefahren. Einfach, weil mir Nordfriesland auch nicht so nahe ist. Ich bin ja ein Ostsee-Kind, aufgewachsen an der Flensburger Förde. Das ist ganz was anderes. Aber die karge Marschlandschaft hat auch etwas Faszinierendes, und die Nordsee, die nie da ist, wenn man kommt. Die Stimmung. Und die Menschen. Die sind ja alle sehr verschwiegen. Auch im Roman.

RB: Im Roman klingt viel an: Deutsch-dänisches Verhältnis, Heimatlose nach dem Krieg, Wiederaufbau. Aber so richtig raus kommt das alles nicht, genauso wenig wie bei Jannis und Paul. Warum wollten Sie den Knoten eigentlich nicht lösen?

JC: Es hat sich irgendwie aufgedrängt, die Geschichte so zu erzählen. Und mit den Figuren kann man auch nicht alles machen. Wenn einer diesen maulfaulen Charakter hat wie Paul, kann man nicht plötzlich einen Ehestreit vom Zaun brechen, der nicht zu ihm passt. Beim Erzählen ergeben sich jede Menge Zwangsläufigkeiten. Dadurch, dass ich den Roman an der Grenze zu Dänemark angesiedelt hatte, kam ich um Nolde nicht herum. Von Nolde kam ich zu Siegfried Lenz und “Deutschstunde”. Aus der Verortung ergeben sich die Themen. Dieses Versprengte. Es gibt Flüchtlinge in diesem Landstrich und Einheimische, die mal unter dänischer, mal unter preußischer Herrschaft gelebt haben. Irgendwie ist “Schneetage” wohl auch ein Heimatroman.